Fleisch kranker Tiere – ganz legal auf unseren Tellern. Teil 1

In Deutschland gelangen todkranke Rinder, die eigentlich aussortiert gehören, ungehindert in die Nahrungskette. Es geht um die Rinderseuche „Botulismus“, einer Erkrankung, die durch das Bakterium Clostridium Botulinum ausgelöst wird. Die ARD hat bei einem betroffenen Bauer im Vogtland recherchiert, in dessen Kuhstall seit 2006 der Botulismus-Erreger grassiert. Im April 2011 wurde in der Sendereihe „ARD exakt“ ein Film ausgestrahlt mit dem Titel „Fleisch kranker Tiere – was landet auf unseren Tellern?“. Dieser Film vermittelt ein gutes Bild über den Zustand der Tiere des Landwirts Mario Kuder:

Viele der kranken Tiere sind abgemagert, können kaum noch stehen, und man sieht, dass sie große Schmerzen erleiden müssen. Kuder muss immer wieder tote Tiere aussortieren. Er gibt zu, dass er bisher an die 400 kranke Tiere innerhalb von 5 Jahren verloren hat.

Hunderte von Rindern aus seinem Bestand hat er bisher ungehindert zum Schlachten gebracht – trotz grassierenden Befalls mit Botulismus. Alles ganz legal: Das zuständige Veterinäramt teilte ihm schriftlich mit, dass der Befall des Bestandes mit chronischem Botulismus kein Schlachtverbot bewirkt. Denn von offizieller Seite wird diese Erkrankung keineswegs als Seuche eingestuft: „Mangels entsprechender wissenschaftlicher Erkenntnisse kann danach bisher weder von einer Übertragbarkeit zwischen Tieren oder von Tieren auf Menschen… ausgegangen werden.“  Soweit das Zitat des Bundeswirtschaftsministeriums.

Mit diesem „Freibrief“ landeten und landen in Deutschland Unmengen von Tieren, die mit Botulismus infiziert waren und sind, auf den Tellern der Verbraucher.

Professor Monika Krüger, Mikrobiologin an der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, beobachtet das mit großer Sorge: „Es handelt sich hier um ein seuchenhaftes Geschehen; die Tiere erkranken in einem bestimmten Zeitraum, es erkranken eine Vielzahl von Tieren, und damit sind aus meiner Sicht die Kriterien eines seuchenhaften Geschehens erfüllt.“

Kuder und seine Familie haben am eigenen Leib erfahren müssen, dass der Erreger des Botulismus auch vor Menschen  nicht Halt macht: Er selbst leidet an Augenschmerzen, Gelenkschmerzen, Fußschmerzen und an Lähmungserscheinungen.

Der Neurologe Professor Dirk Dreßler hat als erster Wissenschaftler die Übertragbarkeit von Botulismus vom Tier auf den Menschen nachgewiesen. Er bestätigt, dass die Symptome des Botulismus bei Mensch und Tier identisch sind, und warnt davor, dass erkrankte Tiere zum Schlachten freigegeben werden: “…Das stellt ein potentielles Risiko dar. Das Ausmaß dieses Risikos können wir nicht abschätzen. Aber zumindest ist das keine Situation, die für uns als Ärzte tolerabel ist.“

Außerdem meint er: „Keiner würde sehenden Auges ein solches Risiko eingehen wollen. Ich glaube, hier handeln Menschen ganz intuitiv aus einem nachvollziebaren Sicherheitsbedürfnis und würden sagen: Solches Risiko ist nicht kalkulierbar, solches Risiko würde ich nicht eingehen wollen!“

Und was hält das Verbraucherschutzministerium davon, dass mit Botulismus verseuchtes Fleisch in den Nahrungskreislauf gebracht wird?  Sie halten daran fest, dass im Schlachthaus die kranken Tiere ausgesondert würden.

Dazu Prof. Helge Böhnel, Verterinärmediziner: „Diese Erkrankung hat keine sichtbaren Zeichen, also am Schlachtkörper sieht man keine Veränderungen, dass man sagen kann, dieses Tier ist am Botulismus erkrankt. Das heißt also, die normale Fleischbeschau kann das gar nicht feststellen.“

Die Frage, ob infizierte Tiere, denen man die Erkrankung von außen nicht unbedingt ansieht, geschlachtet würden und dann in den Nahrungsmittelkreislauf gelangen, bejaht er.

Referenz:
www.mdr.de/exakt/artikel111180.html
www.youtube.com/watch?v=ev6hOeog5jU


Filmrückschau: „Das System Wiesenhof – wie ein Geflügelkozern Menschen, Tiere und die Umwelt ausbeutet“

Wer gerne Hähnchen isst, greift im Kühlregal meistens zu einer Packung der Marke „Wiesenhof“. Eine Großpackung gibt’s immerhin schon für nur Euro 3,29. Wiesenhof mit seinem Konzern ist Deutschlands größter Geflügelmastbetrieb und gehört zur PHW-Gruppe. Der Konzern macht Milliardenumsätze: Jährlich müssen dafür mehr als 200 Mio. Geflügel ihr Leben lassen und zuvor ein qualvolles Dasein fristen.

Billigfleisch hat seinen Preis. In der Sendereihe „ARD-exklusiv“ wurde am 31.08.2011 ein Film ausgestrahlt mit dem Titel: „Das System Wiesenhof – wie ein Geflügelkonzern Menschen, Tiere und die Umwelt ausbeutet“. Dieser Film ging unter die Haut. Die ARD hat in Zusammenarbeit mit der Tierrechtsorganisation PETA und mit anderen Tierschutzorganisationen die skandalösen Zustände aufgedeckt.

Hier eine kurze Zusammenfassung:

An der Spitze des Konzerns steht der Firmengründer Paul-Heinz Wesjohann. In der Öffentlichkeit stellt er sich als einen moralisch verantwortungsvollen Unternehmer dar. In einem Werbefilm seiner Firma erklärt er, wie er schon als Schüler die Kücken aufgezogen hat und erklärt stolz: „…so bin ich hineingewachsen und habe den Einklang von Mensch, Tier und Umwelt erlebt.“ Ähnlich lautet auch der Firmenslogan von PHW: Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt.

Nur, weder der Firmeninhaber Paul Heinz Wesjohann noch Wiesenhof, samt PHW-Konzern scheinen dem annähernd gerecht zu werden – ganz im Gegenteil: wenn man den ARD-Recherchen Glauben schenkt. Aber diese wurden mit Bildmaterial und Tonaufnahmen eindeutig und glaubhaft dokumentiert.

Das ARD-Kammerateam beginnt seine Recherche in Brandenburg mit dem Besuch einer ehemaligen Pächterin. Sie hatte 10 Monate lang die Odyssee der Tiere miterlebt. Kaum waren die Küken aus den Eiern geschlüpft, machten sie ein qualvolles Martyrium durch. Viele Hühner überlebten nicht bis zur Schlachtung. Sie sagt aus, dass es an schlimmen Tagen 20, 30 oder 40 tote Tiere gab, und räumt ein, dass die Tiere natürlich leiden. Sie stehen 10 Monate auf ihrem eigenen Mist. Die Pächterin, die es eigentlich besser hinkriegen wollte, hatte nach eigenen Aussagen keinen Handlungsspielraum. Stall, Hühner, Futter – alles wurde von PHW vorgegeben.

Bevor sie aufgab, dokumentierte sie die Zustände auf ihrer Farm. Sie filmte z.B., wie Hähne brutal geschleudert und in eine Kiste geschmissen wurden. Dazu sind die grauenvolle Angstschreie der Hähne zu hören. Sie erklärt, eine Gruppe von Leuten komme regelmäßig, um kranke Tiere auszusortieren. Sie beschreibt, wie sie einmal in den Eierraum musste, und aus einer Kiste das Blut floss. Die Tiere hätten nur noch apathisch in den Kisten gesessen. Diese Frau hat Albträume, die sie nicht mehr so schnell los wird.

Auf diese Vorfälle möchte Paul-Heinz Wesjohann nicht eingehen. Der Konzern tut diesen Tier-Skandal als bedauerlichen Zwischenfall ab. Dass die Tierquälerei bei Wiesenhof allerdings System hat, beweisen zahlreiche Bilder, die Tierschützer gemacht haben. Bei einem nächtlichen Einsatz der Tierschutzorganisation PETA auf einer Farm in Magdeburg, in der Wiesenhof-Hühnchen herangezogen werden, kommen weitere grauenvolle Bilder ans Licht: An die 25.000 Masthühner sitzen hier dicht an dicht am Boden. Es herrschen katastrophale Zustände. Sie sitzen auf ihrem eigenen Kot, viele Tiere sind krank und können nicht mehr aufstehen. Die Halle wirkt marode, Tiere verstecken sich in Mauernischen. Das Kammerateam entdeckt immer wieder tote Tiere. Im Hofgelände machen sie einen grauenhaften Fund: Weitere tote Hühner, zum Teil verwest und mit Maden übersät, finden sie in großen Tonnen auf dem Hofgelände.
Mit den Bildern wird der Geflügelexperte, Arzt und Buchautor Dr. Hermann Focke konfrontiert: Er ist entsetzt und erklärt, dass am Ende der Mast, also nach 28 bis 30 Tagen, die Tiere so dicht beieinander sein werden, dass sie sich gegenseitig bepicken. Die Tiere würden auf hohen Mastzuwachs gezüchtet werden, deshalb haben sie später Schwierigkeiten, auf ihren Ständern zu sitzen. Folglich stehen sie am Boden auf ihren Exkrementen, die so scharf sind, dass sie sich zum großen Teil die Fußsohlen verätzen. Das soll sehr schmerzhaft sein.

Eine riesige Hähnchenmastanlage der Firma Wiesenhof liegt in Lohne, Südost-Oldenburg. Hier werden wöchentlich mehr als 1,5 Millionen Hühner geschlachtet, und die Firma expandiert immer mehr. Aufgrund der Größe des Betriebes entsteht ein sehr hoher Wasserverbrauch. Ca. 90 Prozent der privaten Brunnen im Dorf sind mittlerweile versiegt. Die Anwohner müssen auch den Lärm und den Gestank der Anlage ertragen. Die Bürger sind verärgert.

In der Sendung wurde ein weiterer Film gezeigt, den eine Tierschutzorganisation in einer Geflügelfarm der Firma Wiesenhof in Bayern gedreht hatte. Auch auf dieser Farm vegetieren tausende von Hühnern dicht gedrängt am Boden. Es befinden sich zwischen den Hühnern etliche tote Tiere, die zum Teil schon festgetreten wurden und offensichtlich schon sehr lange dort liegen.

Mit diesen Bildern konfrontiert das ARD-Team den Firmenchef Paul-Heinz Wesjohann. Und hier das Interview:

ARD-Team:
Sie sagen, Sie nehmen Verantwortung wahr für Mensch, Tier und Umwelt. Was heißt denn für Sie artgerechte, tiergerechte Produktion?

Paul-Heinz Wesjohann:
Es gibt nur tiergerechte Haltung, und tiergerechte Haltung bedeutet, dass sich die Tiere wohlfühlen in dem Stall.

ARD-Team:
Woher wissen sie das, ob sich die Tiere in ihren Ställen wohlfühlen?

Paul-Heinz Wesjohann:
Also das kann man sehen, und im Übrigen ist es so, dass der Landwirt das macht. Und sie glauben doch nicht, dass ein Landwirt seine Tiere vorsätzlich quält – im Gegenteil, er wird sie gesund halten, und er wird sie deshalb auch gesund halten, weil er nur gesunde Tiere bezahlt bekommt.

ARD-Team:
Wenn sie jetzt sagen, die Tiere fühlen sich wohl – wir haben hier Bilder aus dem Stall in Möckern, das ist jetzt ihre Farm da (ihm wird ein Notebook mit einem Film über einen Wiesenhofstall gereicht; die Aufnahmen zeigen, dass in einem Stall abertausende von Hühnern dicht an dicht gedrängt sind). Das ist jetzt ihre Farm in Pöthen, die gehört zu Möckern. Ist das hier artgerechte Tierhaltung?

Paul-Heinz Wesjohann:
Ich kann das hier nicht erkennen, ob das da herkommt. Ich kenne nicht alle Ställe. Insofern kann ich dazu keine Stellung abgeben – abgesehen davon, die Tiere, wie sie sich dort bewegen, fühlen sich wohl.

ARD-Team:
Wir haben hier ein totes Tier.

Paul-Heinz Wesjohann:
Es ist so, auch in einer Stadt mit 20.000 oder 40.000 sterben auch Menschen, oder es geht ihnen nicht so gut. Wir sagen ja nicht, dass ein Tier nicht sterben kann.

ARD-Team:
Sie sagten, ein paar können schon mal sterben. – Es ist an diesem Stall… da waren 5 riesige Tonnen gefüllt mit toten Tieren.

Paul-Heinz Wesjohann:
Es tut mir leid, ich weiß nicht, wo sie die Tonnen herhaben, also das kann…

ARD-Team:
Die Bilder sind von ihrem Stall aus Wiesenhof – Möckern.

Paul-Heinz Wesjohann:
Das glaub ich nicht, das ist mir nicht bekannt, und ich weise das hiermit auch zurück.

Soweit das Interview

Man sieht auf dem Film, dass die Tonnen eindeutig einer Wiesenhof-Farm zugeordnet werden können, da auch Firmenschilder gefilmt wurden.

Wie der ARD-Beitrag zeigt, fällt Wiesenhof inklusive PHW-Konzern nicht nur aufgrund großer Misstände in der Tierhaltung auf, sondern auch aufgrund mangelnder Hygienebedingungen in der Fleischverarbeitung und minimaler Entlohnung der Mitarbeiter.

So ist der Schlachthof in Möckern immer wieder in die Schlagzeilen geraten, wie Bilder von „Stern“ belegen: Schimmel an den Wänden, Fäkalienspuren auf den Hähnchen. Hier werden wöchentlich 600.000 Tiere betäubt, geschlachtet und in Stücke zerlegt. Aus Internet-Bildquellen, die im ARD-Film gezeigt wurden, sieht man, wie Fleischbeschauer an einem Band stehen, um hier kranke, unbrauchbare Tiere auszusortieren. Doch das Band läuft viel zu schnell, die Fleischbeschauer haben für die Begutachtung und Aussortierung pro Tier nur 0,8 Sekunden Zeit. Viel zu wenig, wie schon das Landesverwaltungsamt in einem Protokoll festgestellt hat. Pro Tier müssten es mindestens 1,5 Sekunden sein, wogegen sich die PHW – mit größter Wahrscheinlichkeit aus Profitgier –  lange Zeit gewehrt hat. Ein Rechtsanwalt, der die Interessen der Fleischbeschauer vertritt, hält die hohe Bandgeschwindigkeit für gesundheitsgefährdend und geradezu unverantwortlich.

Wesjohann hält die ganze Depatte um die Bandgeschwindigkeit für eine Lapalie: Es komme nicht auf die Sekunden an, sondern auf die Effektivität des Fleischbeschauers. Es komme wesentlich darauf an, dass gesunde Tiere aus den Ställen rüberkommen. Das wäre der entscheidende Punkt. So drückte er sich aus.

Die Frage an ihn, ob auch kranke Tier in Möckern geschlachtet worden wären, verneint er natürlich rigeros. Ein Insider jedoch, der jahrelang dort tätig war und es wissen muss, sagt etwas ganz anderes und packt aus. Er gibt zu, dass viele untaugliche Tiere, deren Organe z.B. nicht in Ordnung sind, weiter in die Produktion gingen, deshalb, weil die Fleischkontrolleure einfach nicht in der Lage seien,  stundenlang dieses Arbeitstempo durchzuhalten.

Jetzt hat die Aufsichtsbehörde dem einen Riegel vorgeschoben. Bis auf Weiteres darf von Möckern kein frisches Geflügel mehr in den Verkehr gebracht werden, und es müssen mehr Kontrolleure eingestellt werden.

Wie geht es den Menschen, die dort arbeiten? Viele Fleischzerleger kommen aus Osteuropa und sind über Subunternehmer beschäftigt. Befragungen von Leuten, die in einer Kaserne untergebracht waren, ergaben, dass sie 5,50 Euro in der Stunde verdienen und für die Miete in den einfach eingerichteten Mehrfachzimmern 120 bis 150 Miete bezahlen müssen.

Auch das ist Wiesenhof, wie zum Schluss des ARD-Berichts gezeigt wird: In einer Putenfarm in Cloppenburg werden Tiere, die zum Schlachten verladen werden, brutal misshandelt: durch die Halle geschleudert, getreten, totgetreten, schwer verletzt und brutal auf den LKW geworfen. Alles im Auftrag von PHW: für Mensch, Tier und Umwelt.

Referenz:
www:ardmediathek.de