Vergiftet die Fleischwirtschaft das Trinkwasser?

Deutschland hat ein Problem mit dem Trinkwasser, wie aus jüngsten Presseberichten bekannt wurde. Der Grund: Die Nitratwerte übersteigen vielerorts den zugelassenen Wert. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) beklagt, dass vor allem wegen intensiver landwirtschaftlicher Nutzung über ein Viertel der etwa 1000 abgegrenzten Grundwasserkörper hierzulande nicht in dem von der EU geforderten „guten Zustand“ seien.

43 Prozent der Grundwässer haben Nitratgehalte, die zwischen 25 und 60 Milligramm pro Liter liegen. Um den Nitratgrenzwert von 50 Milligramm pro Liter nicht zu übersteigen, mischen viele Wasserversorger das nitrathaltige Wasser mit unbelastetem Wasser.

Der BDEW kritisiert, dass die EU-Richtlinien, die eine Reduzierung des Nitratgehaltes vorschreiben, von politischer Seite seit Monaten nicht durchgesetzt werden. Auch die Düngeverordnung, das Düngegesetz und der Gülletourismus aus Holland, Dänemark und Belgien müssten eine neue gesetzliche Grundlage erfahren.

Das ZDF widmete sich in der Doku „Zeitbombe im Trinkwasser“ im Juli 2015 ebenfalls diesem brisanten Thema. Und es wird nicht lange um den heißen Brei geredet, sondern gleich auf den Punkt gebracht, woher die hohen Nitratwerte in unseren Gewässern kommen: von den abertonnen Fäkalien der Fleischindustrie, die dann auf den Feldern entsorgt werden.

Ein Schwein produziert im Jahr 1.000 bis 1.500 Liter Gülle. Bei einem Schweinemastbetrieb mit 1.500 Schweinen können da jährlich gut an die 2.3 Mio. Liter Kot und Urin zusammenkommen. Aber wohin damit? Auf die Felder! Nun, der Gesetzgeber hat Höchstmengen definiert, die regeln sollen, wie viel Gülledung jährlich auf ein Feld ausgebracht werden darf. Wenn ein Landwirt mehr Gülle produziert, als er auf eigene Felder entsorgen kann, verschickt er eben den Kot und Urin via Lkw quer durch Deutschland – dorthin, wo er Abnehmer findet.

Egon Harm, Mitarbeiter der größten Wasserversorgung in Oldenburg, sieht ein Problem darin, dass immer mehr Ställe und immer mehr Biogasanlagen zu immer mehr organischem Dünger führen. Er befürchtet, dass jetzt schon durch die intensive Ausbringung der Gülle ein Nitratgrenzwert erreicht ist, den man kaum noch senken kann.

Bei Wasserproben, die im Raum Oldenburg bestimmt wurden, waren in 50 Prozent der Fälle die Nitratwerte zu hoch – ein deutschlandweiter Trend. Nitrat entsteht auch durch Kunstdünger, den die Bauern auf die Äcker bringen.

In vielen deutschen Flüssen sind die Nitratwerte zu hoch. Dr. Alfons Baier, Geologe erklärt, dass dies in etwa der Hälfte der deutschen Flüssen der Fall ist. Durch die Gülle entsteht Nitrat. Nitrat führt zu starkem Algenwuchs, die Gewässer drohen zu kippen.

Beim Menschen bewirkt Nitrat im Verdauungstrakt, dass gefährliche Nitrosamine gebildet werden. Nitrosamine werden als stark krebserregend eingestuft.

Clevere Marketingleute der Düngeindustrie wollen ein Mittelchen gefunden haben, dass die Bildung von Nitraten  hemmen soll, wenn man es der Gülle beifügt. Das Mittel heißt Piagran und wird damit beworben, dass es das Grundwasser schützen soll, da es eben die Nitratbildung vermindere. Außerdem soll es den Ertrag um 5 Prozent steigern.

Das Bundesumweltamt in Berlin lehnt den Einsatz dieser Chemikalie ab. Es steht im Verdacht, den Fötus im Mutterleib zu schädigen. Es ist wasserlöslich und wassergefährdend. Dennoch findet diese Substanz und andere kritische Chemikalien bei den Landwirten Verwendung, weil die Bundesregierung es nicht fertigbekommt, klare gesetzliche Regelungen zu formulieren, die aus ökologischer und medizinischer Sicht vertretbar sind.

Hier sind viele Fragen offen. Wie kann es in einem zivilisierten Land wie Deutschland kommen, dass das Trinkwasser immer mehr ungenießbar wird? Warum wurde von Seiten der Politik nicht schon längst eingegriffen und warum passiert dies heute immer noch nicht? Sind die bisher erlaubten Güllegaben zu hoch angesetzt, oder wird zu wenig von Seiten der Behörden kontrolliert und mehr Gülle als erlaubt auf die Felder ausgebracht? Warum verstößt Deutschland gegen die EU-Nitratrichtwerte, so dass sogar die EU-Kommission Brüssel ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet hat? Warum ist die Düngeverordnung, das Düngegesetz und der Gülletourismus bislang nicht nach ökologischen Gesichtspunkten angemessen geregelt. Hat die Landwirtschaft hier eine größere Lobby als die Wasserwirtschaft?
Fragen über Fragen. Aber eine Frage müssen wir uns alle stellen: Rechtfertigt die Gier nach Fleisch die Ignoranz jeglicher moralischer Werte?

Referenzen:
Planet e: Zeitbombe im Trinkwasser
Ntv, 22.07.2015: Grundwasserqualität in Deutschland sinkt

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