Fleisch kranker Tiere – ganz legal auf unseren Tellern. Teil 2

Der Landwirt Mario Kuder,  dessen Rinder mit dem Bakterium Clostridium Botulinum infiziert waren, hat seit vier Monaten seinen Bestand aufgegeben. Ein ARD-Team besuchte noch einmal Kuder, dessen Familie selbst an Botulismus erkrankt ist, und wollte genau wissen, wie alles gelaufen ist. Am 07.09.2011 teilte die ARD in der Sendereihe „Extra“ mit dem Titel „Geschmacklose Geschäfte – was am Ende wirklich auf unseren Tellern landet“ ihre Recherchen in Form eines Filmes ihren Zuschauern mit:

Bevor sich Landwirt Kuder von seinen Tieren trennte, stuften Wissenschaftler der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig 60 der 100 verbliebenen Tiere als klinisch krank ein.

Eine Rückfrage von Seiten der ARD bei Jürgen Neuhaus von der Universität Leipzig ergab, dass alle Tiere, also auch die 60 klinisch kranken, geschlachtet wurden. Die Rinder wiesen klinische Symptome auf wie Lahmheit, Hautveränderungen, schlechtes Bewegungsbild; manche waren abgemagert und in einem recht schlechten Zustand. Neuhaus hätte das Fleisch dieser Tiere nicht essen wollen.

Die Leiterin des Uni-Instituts Prof. Monika Krüger ist empört. Sie hält die Schlachtung dieser Tiere für einen klaren Gesetzesverstoß. „Deswegen haben wir doch ein Lebensmittelgesetz und ein Fleischhygienegesetz, dass solche Tiere eben nicht in den Schlachtprozess hineinkommen sollen!“ – so Krüger.

Auch Prof. Helge Böhnel, Veterinärmediziner, hält das Schlachten von kranken Tieren für sehr verantwortungslos: „Wenn sie ein krankes Tier schlachten – vielleicht passiert gar nichts. Aber es könnte natürlich sehr viel passieren. Dass eben aus diesen Lebensmitteln eine Infektion entsteht bei vielen Leuten, die diese Lebensmittel zu sich genommen haben!“

Außerdem: „Wenn ein Tier, trotzdem es klinisch erkrankt ist, geschlachtet wird, widerspricht das dem Fleischbeschaugesetz und ist verantwortungslos gegenüber dem Verbraucher, der erwartet, dass nur gesunde Tiere geschlachtet werden!“

Ein Viehhändler aus dem thüringischen Schleiz hatte die Rinderherde von Kuder aufgekauft. Die zuständige Viehhändlerin Christina Rösch behauptete, die Tiere wären alle gesund gewesen. In einem Schreiben des zuständigen Veterinäramtes des Vogtlandkreises waren 40 Tiere als gesund deklariert worden. Aufgekauft und zum Schlachter gebracht hatte die Viehhändlerin aber die ganze Herde, also alle 100 Rinder. Von gekauften kranken Tieren will sie nichts wissen und redet sich heraus, dass in dem amtlichen Schreiben des Veterinäramtes nichts von klinisch kranken Tieren gestanden habe.

Das zuständige Veterinäramt des Vogtlandes, das eine Schlachtung nicht verhindert hat, schweigt dazu. Und der Schlachtbetrieb im 400 km entfernten Pforzheim räumt ein, dass die Tiere keinerlei Auffälligkeiten gezeigt hätten.

Kuders Geschichte ist eine von vielen Viehbauern in Deutschland, deren Herden mit Botulismus „verseucht“  sind – nur, dass davon nichts an die Öffentlichkeit gelangt. Experten schätzen, dass es in Deutschland an die 1000 Höfe gibt.

Na dann: Guten Appetit.

Referenz:
www.mdr.de/exakt/botulismus100.html

Fleisch kranker Tiere – ganz legal auf unseren Tellern. Teil 1

In Deutschland gelangen todkranke Rinder, die eigentlich aussortiert gehören, ungehindert in die Nahrungskette. Es geht um die Rinderseuche „Botulismus“, einer Erkrankung, die durch das Bakterium Clostridium Botulinum ausgelöst wird. Die ARD hat bei einem betroffenen Bauer im Vogtland recherchiert, in dessen Kuhstall seit 2006 der Botulismus-Erreger grassiert. Im April 2011 wurde in der Sendereihe „ARD exakt“ ein Film ausgestrahlt mit dem Titel „Fleisch kranker Tiere – was landet auf unseren Tellern?“. Dieser Film vermittelt ein gutes Bild über den Zustand der Tiere des Landwirts Mario Kuder:

Viele der kranken Tiere sind abgemagert, können kaum noch stehen, und man sieht, dass sie große Schmerzen erleiden müssen. Kuder muss immer wieder tote Tiere aussortieren. Er gibt zu, dass er bisher an die 400 kranke Tiere innerhalb von 5 Jahren verloren hat.

Hunderte von Rindern aus seinem Bestand hat er bisher ungehindert zum Schlachten gebracht – trotz grassierenden Befalls mit Botulismus. Alles ganz legal: Das zuständige Veterinäramt teilte ihm schriftlich mit, dass der Befall des Bestandes mit chronischem Botulismus kein Schlachtverbot bewirkt. Denn von offizieller Seite wird diese Erkrankung keineswegs als Seuche eingestuft: „Mangels entsprechender wissenschaftlicher Erkenntnisse kann danach bisher weder von einer Übertragbarkeit zwischen Tieren oder von Tieren auf Menschen… ausgegangen werden.“  Soweit das Zitat des Bundeswirtschaftsministeriums.

Mit diesem „Freibrief“ landeten und landen in Deutschland Unmengen von Tieren, die mit Botulismus infiziert waren und sind, auf den Tellern der Verbraucher.

Professor Monika Krüger, Mikrobiologin an der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, beobachtet das mit großer Sorge: „Es handelt sich hier um ein seuchenhaftes Geschehen; die Tiere erkranken in einem bestimmten Zeitraum, es erkranken eine Vielzahl von Tieren, und damit sind aus meiner Sicht die Kriterien eines seuchenhaften Geschehens erfüllt.“

Kuder und seine Familie haben am eigenen Leib erfahren müssen, dass der Erreger des Botulismus auch vor Menschen  nicht Halt macht: Er selbst leidet an Augenschmerzen, Gelenkschmerzen, Fußschmerzen und an Lähmungserscheinungen.

Der Neurologe Professor Dirk Dreßler hat als erster Wissenschaftler die Übertragbarkeit von Botulismus vom Tier auf den Menschen nachgewiesen. Er bestätigt, dass die Symptome des Botulismus bei Mensch und Tier identisch sind, und warnt davor, dass erkrankte Tiere zum Schlachten freigegeben werden: “…Das stellt ein potentielles Risiko dar. Das Ausmaß dieses Risikos können wir nicht abschätzen. Aber zumindest ist das keine Situation, die für uns als Ärzte tolerabel ist.“

Außerdem meint er: „Keiner würde sehenden Auges ein solches Risiko eingehen wollen. Ich glaube, hier handeln Menschen ganz intuitiv aus einem nachvollziebaren Sicherheitsbedürfnis und würden sagen: Solches Risiko ist nicht kalkulierbar, solches Risiko würde ich nicht eingehen wollen!“

Und was hält das Verbraucherschutzministerium davon, dass mit Botulismus verseuchtes Fleisch in den Nahrungskreislauf gebracht wird?  Sie halten daran fest, dass im Schlachthaus die kranken Tiere ausgesondert würden.

Dazu Prof. Helge Böhnel, Verterinärmediziner: „Diese Erkrankung hat keine sichtbaren Zeichen, also am Schlachtkörper sieht man keine Veränderungen, dass man sagen kann, dieses Tier ist am Botulismus erkrankt. Das heißt also, die normale Fleischbeschau kann das gar nicht feststellen.“

Die Frage, ob infizierte Tiere, denen man die Erkrankung von außen nicht unbedingt ansieht, geschlachtet würden und dann in den Nahrungsmittelkreislauf gelangen, bejaht er.

Referenz:
www.mdr.de/exakt/artikel111180.html
www.youtube.com/watch?v=ev6hOeog5jU